Autobiografische Nachdichtungen

Welche Freude, dass wir an den literarischen Kostbarkeiten des Grundkurses Deutsch von Herrn Kühn teilhaben dürfen. Die Schülerinnen und Schüler seines Kurses verfassten zum Brecht Gedicht „An die Nachgeborenen“ autobiographische Nach­dichtungen.

Anbei die einführenden Worte des Kursleiters und dann einige Exemplare, die sehr beeindruckend sind.

F. Prinz-Dannenberg

„So verging meine Zeit/ Die auf Erden mir gegeben war.“ (Bertolt Brecht)

Autobiografische Nachdichtungen von Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ eines Grundkurses im Fach Deutsch des Lilienthal-Gymnasiums

„Ich finde die Methode gut, weil Schüler in der Schule sehr wenig über sich selbst und das Leben reflektieren, obwohl dies meiner Meinung nach einer der wichtigsten Bildungsaufträge ist, denn dadurch lernt man mehr über sich selbst und seine Gefühle.“

So äußert sich ein Schüler, der an dem Selbstversuch, sein Leben in eigene Worte zu fassen, teilgenommen hat. Warum ist es wichtig, „mehr über sich selbst und seine Gefühle“ zu lernen? Weil die Aneignung der je eigenen Innen-Welt die Grundlage für die Gestaltung der Außenwelt ist. Diese Schüleräußerung bringt sehr klar das Ziel dieses literarischen Versuchs zum Ausdruck. Denn um einen literarischen Versuch, wie die ausgewählten Schülerbeiträge dokumentieren, handelte es sich.

Es war nicht gefordert, ohne Seil und doppelten Boden sein Inneres schutzlos preiszugeben – das macht niemand gern und schon gar nicht im Rahmen der Schule. Aber die Sprache der Dichtung, auch die der politischen eines Bertolt Brecht, enthält viel an existentieller „Selbstmitteilung“. Hier nur mit dem Sezierbesteck der Analyse zu Werke zu gehen, wäre schade. Ein Dichter weckt auch Dichter. So war die Idee geboren, die Form des 2. Teils des Gedichts „An die Nachgeborenen“ mit ihrem eindringlichen Refrain „So verging meine Zeit/ Die auf Erden mir gegeben war.“ als Modell zu wählen, um den Schülerinnen und Schülern einen Sprach-Raum zu öffnen, in dem sie reflektieren und sagen können, wie sie sich selbst sehen und was sie den „Nachgeborenen“ „mit auf den Weg geben“ zu geben haben. Aus ihrer momentanen Verfassung und Sicht – mehr soll es nicht sein. Die Aneignung des „literarischen Erbes“ kommt, denke ich, ohne die Selbstaneignung des Lesers nicht aus.

Thomas Kühn

„Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren“ (Bertolt Brecht)

In die Städte kam ich mit meiner Geburt zur Zeit 1997
Als meine Mutter mich im Arm hielt
Die erste feste Bindung erfuhr zu meiner Mutter in der Zeit
Des Aufruhrs, als mein Vater in den Krieg zog
Und ich empörte mich mit ihr.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen teilte ich am liebsten mit anderen
Schlafen legte mich meine Mutter mit einem sanften Lächeln
Der Liebe kam ich so nah
Und meine Hände erkundeten die Natur ohne Angst.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Einsamkeit in unserem großen Haus durch das Fehlen meines
Vaters führten mich und meine Mutter nach Berlin
Die großen Straßen und das Reisen faszinierten mich
Mit freundlichem Empfang und einem traurigen Liebesbrief
meines Vaters kamen wir in Berlin an
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ich gewann an Kraft und meine Ziele lagen mir klar vor Augen
Ich wollte viel erleben und sehen
Mein Leben leben, so dass ich später
Wenn ich alt und grau
bin mit einem Lächeln mich
von der Welt
verabschiede.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ach, ich bin glücklich.
Ich habe viel gelacht, wurde geliebt und habe selber auch
Liebe gezeigt.
Ich hoffe, Ihr vergesst mich nicht
Denkt an mich
Und
Lächelt dabei.

Ich wurde zur Zeit der Unordnung
In die Welt entlassen.
Es herrschte Hunger und Armut
In Polens Straßen.
So wurde auch meine Familie
Nicht verschont.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Zum Thema Essen kann ich nicht viel sagen
Ich war zu klein, doch heut will ich
Meine Eltern nicht fragen.
Über Liebe kann ich mich
Nicht beklagen.
Ich habe viel bekommen
Würde ich sagen
Für Natur hatte ich nie
Ein Auge.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten nach
Berlin
Keiner von uns sprach auch nur
Ein Wort
Nur Bitte und Danke und
Darauf war ich stolz
Und so schliefen wir zu viert
In der Notunterkunft zwischen
Kriminellen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Tag für Tag wurden wir
Immer schwächer
Doch ich wusste mich bringt
Nichts vom Weg ab
Nicht einmal ein Loch im Portemonnaie.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ach, ich, wenn ich das alles
lese blicke ich gerne und stolz
zurück. Es war eine Schule fürs
Leben. Es prägte mein Verhalten, meine
Art, meinen Charakter und meinen Humor.
Würde ich in der Zeit zurückreisen
Würde ich auf jeden Fall das Gleiche tun.

Sicher lebte ich,
In einem ungeteilten Land.
Ich hatte nie Hunger, nie Durst.
Angst kannte ich nicht.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Meine einzige Pflicht bestand gegenüber
Dem Staat.
Lerne!
Arbeite!
– Geld –
Druck von oben, auf mich, auf alle.
Nie vergehend!
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Doch immer Familie hinter mir,
Umeinander kümmernd – und dann
In Zeiten des Ungewissen, ziellos,
Kam überraschend das Glück.
Sich zeigend in Liebe.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Hinter all dem verlangte ich noch mehr,
Träume Wünsche Hoffnungen!
Doch den Weg dahin
Sah ich nicht
Konnt ich nicht erfassen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ach, ich, die ich doch alles hatte
Konnte doch erst leben
Als ich die Liebe fand.

Wenn auch Ihr den Weg nicht wisst,
Gebt nicht auf – irgendwann
Wird etwas kommen,
Das allem einen Sinn gibt.

In Berlin geboren
Erblickte ich das Licht im Frieden
Als es keine Mauern mehr gab
Sorgenfrei verflog die Kindheit.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Kein sichtliches Leid und Elend,
Ich durfte unbeschwert sein.
Kein Hunger und Durst
Ich hatte immer genug von allem.
Die wahre Liebe ist ein teures Gut
Doch auch sie war mir vergönnt.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Richtung war egal,
Man fand immer einen Weg.
Ich sprach mehr als eine Sprache
Und das war wichtig.
In einer Zeit wie dieser war es notwendig
Nicht alles hinzunehmen.
Und wir mussten lernen
Zu hinterfragen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ich lebte das Leben
Das meinen Großeltern nicht vergönnt war.
Unbeschwert durfte ich leben
Und doch legte ich mir Steine in den Weg.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Ach, ich sollte mein Leben schätzen und
Die Chancen, die mir im Leben
Geboten werden, denn am Ende
Bereut man nicht die Fehler,
Die man begangen hat,
Sondern die Chancen,
Die man nicht ergriffen hat.